Hintergrund & Entstehung
Wie bist du zur Kunst und Malerei gekommen? Stammst du aus einer Künstlerfamilie?
Die Kreativität liegt in der Familie, mein Vater konnte gut zeichnen, schnitzen, Modellflugzeuge bauen. Dann gab es noch einen Großonkel der fotorealistisch Geld malte. Zum Malen begann ich mit meinem 1. Mann, wir bemalten Bauernmöbel, später begann ich dann auch Bilder zu malen.
Vor deinem Kunststudium warst du Krankenschwester und später Psychotherapeutin. Auf den ersten Blick scheinen Kunst und Psychotherapie sehr unterschiedlich zu sein. Wie verlief dieser Übergang?
Während meiner beruflichen Tätigkeit als Krankenschwester und Psychotherapeutin war Malen für mich ein Ausgleich, ich konnte zur Ruhe kommen und mich durch die Malerei ausdrücken, so entstand mein Interesse für die expressionistische Malerei.
Du hast Privatunterricht bei Milan Baltic und Thomas Beecht genommen. Außerdem hast du dein Masterstudium an der Leonardo Art Academy bei Professor Hannes Baier absolviert. Wie waren diese Erfahrungen und welche Lehren und Einflüsse sind in deine heutige Arbeit eingeflossen?
Ich wollte einfach mehr erfahren und lernen über die Kunst und so absolvierte ich ein Studium in der freien Akademie der bildenden Künste in Klagenfurt. Privat nahm ich dann noch Stunden bei Milan Baltic, wo ich Perspektive zeichnen lernte. Ich lernte bei ihm auch praktische Sachen, wie Keilrahmen bespannen. Bei Thomas Beecht machte ich einen Portraitmalkurs. Die Meisterausbildung absolvierte ich in der Leonardo Kunstakademie in Mattsee. Bei Professor Hannes Baier entwickelten sich dann meine derzeitigen Stilrichtungen, wie abstrakter Expressionismus, Jugendstil, Fauvismus und Surrealismus. Ich lernte auch Techniken, wie Spachteltechnik, Sgraffitotechnik, die ich gerne anwende.
Künstlerische Herangehensweise & Medien
Wie würdest du deine Arbeit jemandem beschreiben, der nichts darüber weiß?
Meine Arbeiten entstehen im Prozess, außer ich mache für eine Ausstellung mit einem bestimmten Thema ein Kunstwerk, aber auch hier entwickelt sich die Arbeit im Prozess, wobei ich aber vorher das Thema in meinen Gedanken habe. Ich male, spachtle, oft auch zwei Farbschichten, wobei ich dann durch die Sgraffitotechnik Muster, Symbole ganz unbewusst herauskratze. Ich sehe mir dann das Bild genau an und analysiere – so wie ich es auch in der Psychotherapie machte, ich schaue genau hin, was dieser unbewusste Ausdruck bedeutet, dann wird es noch weiter bearbeitet, sozusagen Ordnung ins Chaos gebracht.
Du arbeitest mit verschiedenen Medien – gibt es ein Medium, das sich für dich am natürlichsten anfühlt? Welche Medien drängen dich mehr aus deiner Komfortzone heraus?
Entweder farblich, oder ich verwende andere Medien, wie Sand, Spiegel, Blattgold. Zum Großteil verwende ich Acrylfarbe, weil diese schnell trocknet. Ich liebe es aber auch mit Öl zu malen, aber eher bei realistischen oder surrealistischen Bildern.
Du verwendest in deinen Arbeiten häufig die Sgraffito-Technik. Was ist das für eine Technik und wie bist du darauf gekommen?
Bei der Sgraffito-Technik geht es darum, zwei Farbschichten übereinander aufzutragen und anschließend Teile der oberen Schicht auszukratzen, solange diese noch nicht vollständig getrocknet ist. So entsteht ein spannendes Zusammenspiel zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen.
Ich wollte abstrakte Bilder malen und begann zu experimentieren. Dafür verwendete ich bereits bemalte Leinwände, die mir nicht mehr gefielen. Ich überstrich sie zunächst mit einer Acrylgrundfarbe und dachte mir, dass ich vielleicht auch Elemente des alten Bildes in das neue integrieren könnte. Mit verschiedenen Spachteln und sogar einer Gabel kratzte ich abstrakte Muster in die noch feuchte Farbschicht. Nachdem alles getrocknet war, betrachtete ich das Bild intensiv von allen Seiten, in der Hoffnung, darin ein Thema oder eine Aussage zu entdecken. Man sieht dabei natürlich das, was in einem selbst steckt – ich schöpfte sozusagen aus dem Unbewussten, technisch wie symbolisch aus dem, was darunterliegt. Als Psychotherapeutin ist es ohnehin meine ständige Aufgabe, das Verborgene sichtbar zu machen.
Prozess & Arbeitsweise
Wie wählst du das Format deiner Leinwand aus?
Bei abstrakten Arbeiten male ich gern auf großen Leinwänden, ca. 150 oder 120 x 100 cm, da kann ich mich austoben. Für realistische oder surrealistische Arbeiten verwende ich mittelgroße Leinwände, ca. 60 x 80 cm oder 80 x 100 cm oder 70 x 90 cm. Auch im Urlaub möchte ich meine Eindrücke ausdrücken, hier verwende ich aus praktischen Gründen kleinere Leinwände, ca. 40 x 50 cm.
Wie beginnst du eine Arbeit – beginnst du mit Skizzen oder springst du direkt hinein?
Bei realistischen Arbeiten skizziere ich vorher. Abstrakte Bilder entstehen ohne Skizzen.
Bist du jemand, der das fertige Stück gedanklich "sieht" und aus dem Gedächtnis malt, oder lässt du das Bild während des Prozesses entstehen?
Wenn ich ein Thema für eine Ausstellung habe, entsteht das Bild vor dem Einschlafen in meinen Gedanken. Sonst entstehen die Arbeiten während des Prozesses, das kommt dann drauf an, was mich unbewusst beschäftigt.
Woher weißt du, wann ein Gemälde fertig ist?
Auch wenn ich glaube, ich bin fertig, wird das Werk noch ein paar Tage beobachtet, bevor ich es firnisse. Oft gibt es noch kleinere Veränderungen.
Wählst du den Titel vor Beginn oder nach Abschluss der Arbeit?
Meistens wähle ich den Titel des Werkes nach Abschluss der Arbeit, aber während des Prozesses ahne ich schon wo es hingeht.
Themen, Motive & Inhalte
Hast du das Gefühl, dass es in deiner Arbeit immer wieder auftauchende Elemente gibt, auf die du immer wieder zurückgreifst? Was sind diese Elemente und was reizt dich an diesen Motiven?
In meinen Arbeiten treten immer wieder organische Elemente auf. Diese beziehen sich auf natürliche, unregelmäßige und fließende Formen, die an Naturphänomene wie Pflanzen, Wasser oder den menschlichen Körper erinnern.
Gibt es etwas, das du den Menschen zeigen, fühlen oder erleben lassen möchtest?
Ja, ich möchte Gefühle von Ruhe, Wohlbefinden und Natürlichkeit vermitteln. Ebenso möchte ich Wachstum, Leben und Veränderung wecken.
Kristina Tamara Franić Koulen, Kunstkuratorin und Freundin, beschrieb deine Arbeit kürzlich als „Psychogramme, Beschreibungen der geheimnisvollen Natur des Menschen und des Sinns des Lebens”. Stimmst du dieser Interpretation zu?
Ja, Kristina hat es auf den Punkt gebracht. Meine Kunst lässt sich sehr wohl mit meiner psychotherapeutischen Arbeit vereinbaren. Auch wenn das Bild vorerst noch so chaotisch erscheint, sehe ich einen Sinn darin, den ich dann bearbeite, sozusagen wieder Ordnung ins Chaos bringe.
Du schreibst auch poetische Texte zu deinen Gemälden. Hoffst du, dass diese Texte die Wahrnehmung des Gemäldes durch den Betrachter beeinflussen?
Es ist meine Wahrnehmung, die ich da beschreibe. Der Betrachter kann etwas ganz Anderes wahrnehmen. Die Texte können den Betrachter motivieren, seine eigene Geschichte darin zu sehen.
Deine Bilder haben unterschiedliche Themen, aber du hast auch Bilder geschaffen, die sich mit dem Klimawandel und dem anhaltenden Krieg in der Ukraine befassen. Was hat dich dazu inspiriert, dich mit globalen Themen wie diesen auseinanderzusetzen? Hast du das Gefühl, dass sich dein künstlerischer Prozess verändert, wenn du dich mit schwereren Themen auseinandersetzt?
Meine Themen sind das Leben, das soziale Umfeld und die Natur die mich umgibt. Ich habe das Bedürfnis, dem Ausdruck zu geben was mich beschäftigt. Außerdem geben diese Bilder Anlass zu Diskussionen über ein Thema das manche Menschen gerne unterdrücken und nicht wahrhaben wollen und somit Ängste auslösen. Indem man hinschaut, macht es eher aktiv, indem ich überlege, was kann ich dagegen tun, anstatt hilflos und ängstlich.
Inspiration & Einfluss
Was beeinflusst deine Kunst – wie lässt du dich inspirieren?
Das Unterbewusstsein, die Träume beeinflussen meine Kunst. Museums- und Galeriebesuche inspirieren mich.
Gibt es künstlerische Vorbilder oder Referenzen, die dich maßgeblich beeinflusst haben?
Besonders Künstler wie Chagall, Klimt, Hundertwasser, Nolde , Munch und Frida Kahlo beeinflussen meinen künstlerischen Ausdruck. Manchmal führe ich während des Malens im Geiste Zwiegespräche mit ihnen.
Welchen Künstlern und/oder Inspirationen folgst du gerade?
Momentan beschäftige ich mich mit dem abstrakten Expressionismus
Zukünftige Richtungen
Wie siehst du die Entwicklung deiner Arbeit in den kommenden Jahren und welche Ziele setzt du dir selbst?
Nachdem ich meine Arbeit als Psychotherapeutin beendete, werde ich mich intensiver mit der Kunst, sowie mit meiner Galerie beschäftigen. In der Adventzeit ist in meiner Galerie eine zusätzliche Ausstellung mit handbemalten Weihnachtskugeln geplant. Ich mach auch bei einer Weihnachtsausstellung in Klagenfurt mit. Für nächstes Jahr ist je eine Ausstellung in Wien und Lübeck (Deutschland) geplant. Ein weiteres Ziel für nächstes Jahr ist es eine Ausstellung in Hamburg zu organisieren.
An welchen Projekten arbeitest du als Nächstes?
Ich genieße es jetzt einfach als Vollzeitkünstlerin zu leben. Hatte ja nie Zeit für größere Projekte, mache mir jedoch Gedanken darüber, über ein Projekt, das für mich Sinn im Leben macht.
Fotos von: Civan Lezgin Kahraman